Sebastian Diezig
Pressezitat

 

<< Zurück zur Artikel-Übersicht

3.1.2013

Cellosuche

Cellosuche: Kaufpreis und Klang haben nichts miteinander zu tun

Wie man ein günstiges Cello findet, welches super klingt und funktioniert

Vermutlich glaubst du mir die Aussage, welche ich im Titel dieses Artikels schreibe, nicht. Aber ich habe nun während fast einem Jahr nach einem "besseren" Cello gesucht und weiss nun, dass es zutrifft.

Es ist eine generelle Annahme in unserer Gesellschaft, dass teurer immer gleich besser ist. Das Einzige, was aber ein teureres Produkt in der Regel zuverlässig macht, ist dein Bankkonto leer zu räumen oder noch schlimmer: in manchen Fällen dich in Schulden zu stürzen.

Jeder, der ein gutes Cello sucht, merkt: Bei den Instrumenten in der sechsstelligen Preisklasse gibt es welche, die sehr gut klingen, andere, die mittelmässig klingen und doch recht viele, welche unbrauchbar klingen. Wie kann das sein?

Normalerweise beginnt ein Telefonat mit einem Cellohändler immer wie folgt: Ich: Guten Tag, bin auf der Suche nach einem sehr guten Cello. Der Händler: Ok, in welcher Preisklasse suchen Sie? Ich, zögernd: Mein Budget ist max. 40'000.- . Der Händler: Hmm…in dieser Preisklasse ist es quasi unmöglich, etwas Richtiges zu finden. Da empfehle ich Neubau.

Ich habe dieses Muster in meinem Leben bereits unzählige Male erlebt und war nach solchen Gesprächen immer desillusioniert und enttäuscht. Der Händler hat gleichzeitig Recht und Unrecht. Es kommt nur darauf an, was man als "richtiges Cello" bezeichnet. Sucht man ein altes italienisches oder französisches Cello, so kann man es tatsächlich vergessen. In der Tat sind sogar wesentlich teurere Instrumente insbesondere aus Italien sehr oft nicht brauchbar. Aber was für eine Welt ist das, in der ein Musiker 500'000.- zur Verfügung haben muss, um ein "richtiges" Instrument zu finden? Wenn man weiss, was auch erfolgreiche Musiker verdienen, dann merkt man, wie absurd diese Situation ist.

Ich kam an den Punkt, an dem ich mich schlau machte. Recherchen im Internet, Gespräche mit erfahrenen Kollegen und Benützen meines Gehirnes ergaben folgende Hypothese: Der Preis und der Klang haben nichts miteinander zu tun, was ein Geigenbauer bei der Ansetzung des Preises beachtet, ist in absteigender Reihenfolge:

1. Name und Ruf des Geigenbauers

2. Herkunftsland

3. Zustand

4. Alter

5. Schönheit des Baus

6. Klang

7. Investitionspotenzial

8. Wolfstöne

Die ersten beiden Kriterien (Name und Ruf, Herkunftsland) sind für einen Musiker egal. Das Kriterium 3 (Zustand) ist wichtig. Kriterien 4 (Alter) und 5 (Schönheit des Baus) spielen eine gewisse Rolle, da man kein uraltes, kaputtes Cello will und das Auge leider auch immer mitisst. Hingegen ist Nr. 6 (Klang) das wichtigste, da man ein Instrument sucht, welches einem klanglich das Leben vereinfacht. Nr. 7 (Investitionspotenzial) sollte keine Rolle spielen. Man sucht aber natürlich ein Cello, das man nicht überzahlt, um es eines Tages für das gleiche Geld wieder loswerden zu können. Nr. 8 (Wolfstöne) ist auch wichtig. Somit sind die für einen Musiker wichtigen Kriterien ziemlich genau das Gegenteil:

1. Klang

2. Spielbarkeit (einfache Ansprache, möglichst keine Wolfstöne)

3. Zustand

4. Schönheit des Baus

5. Investitionspotenzial

Alles andere ist sekundär.

Somit habe ich angefangen, bei den Geigenhändlern nicht nur die teuren Celli auszuprobieren, sondern auch die ganz billigen und die einen mit den anderen zu vergleichen. Die allergünstigsten kommen natürlich aus China. Da kann man für 3000.- ordentliche Instrumente finden, welche in einigen Fällen besser klingen, als mancher überteuerter Italiener. Auch interessant sind Instrumente aus Ungarn und der Tschechei/Slowakei. Zum Teil klingen die Instrumente ausgezeichnet, obschon sie preislich manchmal unter 10'000.- liegen. Grundsätzlich kann ein supergutes Instrument aus jedem Land der Erde kommen, genauso wie ein miserables Cello auch aus den gelobten Geigenbauländern Italien, Frankreich und England kommen kann. Wenn man wirklich versucht, den Preis beim Ausprobieren auszublenden und sich nur auf den Klang und die Spielbarkeit konzentriert, dann wird die Cellosuche ein Vergnügen, da man merkt, dass man nicht seine ganzen Ersparnisse wird opfern müssen.

Ein richtig guter Musiker klingt auf jedem Cello gut

Als ich ein Cello, welches einen "bloss" vierstelligen Kaufpreis hatte, in die engere Auswahl nahm, bat ich einen sehr guten Cellisten, es anzuspielen, damit ich es hören kann. Zuerst spielte er auf seinem ca. 600'000 CHF teuren Cello. Danach auf dem Cello, welches ich seit Jahren spiele und zuletzt auf dem günstigen, welches ich zu kaufen erwägte. Er spielte jedesmal die gleiche Stelle. Insgesamt klang sein eigenes Cello vielleicht eine Spur brillanter. Jedoch klang der Mann auf allen drei Celli ähnlich gut und das günstige Cello war eher eine Spur besser als mein eigenes. Es war für mich ein Aha-Erlebnis: Ein wirklich toller Cellist hat seinen eigenen Ton und der variert nur unmerklich von Instrument zu Instrument. Auch klang das 600'000-fränkige nicht 63x besser, wie der Preis implizieren könnte.

Kaufe keine Status-Symbol-Instrumente

Die ganze Geschichte läuft in letzter Konsequenz darauf hinaus, dass die extrem teuren Instrumente aus meiner Sicht eine Art von Statussymbol sind. Eine sehr gute Definition von Statussymbol ist die folgende: Man kauft mit Geld, das man nicht hat, Dinge, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht mag. Oder anders gesagt: Es macht keinen Sinn. Man muss sich folgendes merken: Es gibt Musiker, welche riesige Summen aufwenden, um ein mittelmässiges Instrument zu kaufen. Und es gibt Musiker, welche vergleichsweise sehr wenig bezahlen, um ein exzellentes Instrument zu kaufen. Es dürfte allen klar, welche Art Instrumente am Karrierenende leichter zu verkaufen sind.

Das günstige Cello ist super

Ich habe das Cello schlussendlich gekauft und bin sehr zufrieden. Ich liess noch einen belgischen Steg anfertigen und montieren und nun hat es eine Spur mehr Birllanz im Klang. Es spielt sich sehr leicht, hat einen exzellenten Klang und sieht auch optisch ansprechend aus. Zudem konnte ich den Grossteil meiner Ersparnisse unangetastet lassen. Ich bin sicher, dass auch andere Leute, welche sich bei der Cellosuche genug Zeit lassen, fündig werden. Stoppen wir diesen Schwachsinn mit millionenteuren Instrumenten :-)

 

Weitere interessante Artikel:

Schönes französisches Cello zu verkaufen!

Den neuen Instrumenten gehört die Zukunft

Ist es schlimm, dass die Plattenindustrie Probleme hat?

5 Realitäten des Musikmarktes

Warum komponieren

Was macht ein stellvertretender Solocellist?

 

Besuchen Sie auch folgende Ressourcen:

Über Sebastian Diezig

Sebastian Diezig hören und sehen (Youtube-Kanal)

Sebastian Diezig für ein Konzert buchen

 

DEUTSCH | ENGLISH | FRANÇAIS
Bio
Preise
Repertoire
Audio
Fotos
Partner
Spezialist
Presse
SocialTwist Tell-a-Friend
Kontakt
Blog
Booking
item4a
Neues
Kalender
Schönes Cello zu verkaufen!
Videos
Blog Booking